Works

"Capri"

2019 — Kunstverein Heppenheim, Heppenheim

An einer Hausecke eingelassen in eine Fassade aus Rauputz und verklinkertem Fundament, deren gebaute Schlichtheit sich seit den 1970er Jahren zahlreich in der Gewohnheit vieler Deutscher Kleinstädte entdecken ließe, findet sich unverhofft und zurückgenommen ein Raum. Unscheinbar wie der Alltag einer uns vertrauten Welt, gelegen zwischen Wirtschaftswunder, dem trist-anthraziten Grau gutbürgerlicher Wohnbauten im Deutschen Herbst sowie den revolutionären Denk- und Formansätzen ehemaliger ästhetischer Aufbruchsstimmungen einer vergangenen Zeit, gliedert er sich als Ladenlokal in seiner Nüchternheit zurückhaltend in das Bild der Hausfassade. Nichts außer seiner präsenten Architektur als Warenladen zeugt direkt von seiner ehemaligen Funktionoder seinem Gebrauch. Nichts außer seinem Schaufenster von den Spuren, die nach seiner langjährigen Nutzung als Bäckerei die Warenwelt hinterlassen hat und ihn so implizit zum augenblicklichen Erinnerungsobjekt in den Gedanken vieler seiner Passanten machte. Wie die Streichholzschachteln, welche als Relikte eben jener skizzierten Warenwelt die Basis von Thomas Wachholz malerischen Arbeiten bilden, lädt auch der beschriebene Raum des Kunstverein Heppenheims mit seinem funktionalen Charakter ein, seine Strukturen weiter zu denken.

Ausgangspunkt der gezeigten Malereien, deren Streifen sich auch installativ wie die farbige Banderole einer Verpackung auf die Außenfenster des Kunstvereins ausdehnen, ist dabei eine auf Streichholzschateln gefundene Motivvielfalt, deren komplexe Assoziations- und Verweisstrukturen eine bisher verborgene Bildwelt eröffnen. Hier sind es in der Fülle der gefundenen Kompositionen die Flächen, Formen, Muster, Label und typographischen Layouts, die durch ihre Anbringung auf Schachteln als Gegenstände des Alltags – mitnehmbar in Hotels, Kinos und Restaurants sowie in Geschäften – für Wachholz die Möglichkeit beinhalten, ihre Komposition frei zu abstrahieren. Der Raum des Kunstvereins Heppenheim wird dabei mit CAPRI zum Sehnsuchtsort – aufgeladen mit den Erinnerungen an kollektive Urlaubsvorstellungen einer heilen Welt, die Marktstände einer immer mehr schwindenden Warenkultur zurückliegender Dekaden und die soziologisch-ikonische Bedeutung des sprichwörtliche Kindereis auf die Hand.

Übertragen auf die Leinwand wie die rosa, weißen oder auch bordeauxroten Streifen mit ihren Assoziationen an Fahnen und Markisen oder auch bunt-wulstige Bauformen architektonischer Utopien, bilden die Sujets der Schachteln eine eigene, vom Objekt unabhängige Narration. Bildlich aktiviert durch unsere Emotionen und Gedanken wie die Balken der Striker, die als Reibfläche auf den ursprünglich funktionalen Zusammenhang im Layout der Schachtel verweisen, verlagern ihre Streifen dabei den Fokus auf die gemalte Bildfläche. Auf ihr werden die Motive in Wachholz Werken übergroß, verlängern sich, dehnen sich aus und verselbstständigen sich gleich mit der ihnen inhärente Bedeutung in der Vielzahl unserer Erinnerungen.

Verschoben auf das Thema eines konzeptuellen Ansatzes von Malerei, der in Wachholz Arbeiten die Fläche der Leinwand – ausgehend von der physischen Referenz der Schachteln – als Folie begreift, referieren dieZündflächen bestehend aus rotem Phosphor wie die Sujets so auch auf ein trickreiches Potential. Mit ihm hebeln die Bilder in der Tradition der Pop Art sowie den konzeptuellen Untersuchungen eines Blinky Palermo, Daan Van Golden, AllanD’Arcangelo oder Kenneth Nolanddie Grenzen und Regeln der Malerei spielerisch aus, um sie auf der Basis alltäglicher Objekte gleichsam lachend zu überschreiten. Wie das fordernde Ausgreifen von Finger macht ihr Übergriff dabei nicht Halt vor dem Raum und überträgt die Streifen von Wachholz Installation auf die Schaufenster. Gegenüber den gemalten Bildern, erweckenseine Markisen in der Kühle der matten Metallrahmen der Fensterfront ein vermeintlich konträres Bild, dass den Blick in sein Inneres durch ihre Überlänge ironisch verwehrt. Hier verselbstständigen sich die Werke Thomas Wachholzs erneut und konterkarieren die narrative Struktur ihrer anfänglichen Offenheit wie eine visuelle Barriere, die unserem Blick auf eine Ikonographie des Alltags entgegentritt – zwinkernd in der Brechung der Sehgewohnheiten und leuchtend wie das Spiel mit den Erinnerungen an eine bunte Warenwelt und ihre ursprüngliche Nutzung, deren Assoziationen sich räumlich wie bildlich in der Malerei verschränken.

Philipp Fernandes do Brito